Jeder Ratgeber erklärt, wie Kinder verlieren lernen. Kaum einer erwähnt, was bei uns am Tisch mindestens genauso oft knallt: das Gewinnen. Wenn unsere Große vorne liegt, ist Schadenfreude oft schneller da als jede gute Absicht.
Wir haben uns angesehen, was die Forschung zum Verlieren und Gewinnen wirklich sagt. Herausgekommen sind 8 Tipps. Bei jedem steht ehrlich dabei, wie gut er belegt ist. Spoiler: weniger gut, als die meisten Elternratgeber klingen.
Die schnelle Antwort
- Die unbequeme Wahrheit: Kein Tipp zum Verlierenlernen ist so gut belegt, wie Ratgeber oft tun. Vieles ist Expertenmeinung.
- Was am meisten Sinn ergibt: offen helfen, Hilfe langsam abbauen, Gefühle benennen, selbst gut verlieren.
- Der überschätzte Klassiker: „Lob die Anstrengung, nicht die Klugheit“. Spätere Studien fanden viel schwächere Effekte.
- Der unterschätzte Punkt: gut gewinnen. Bei uns ist das oft das größere Problem.
So liest du die Ampel
- 🟢 Studien: Es gibt Forschung, die direkt oder sehr nah daran ist.
- 🟡 Hinweise und Fachleute: indirekte Studien oder Expertenmeinung.
- 🔵 Unser Tisch: eigene Erfahrung, keine Wissenschaft.
1. Offen helfen statt heimlich verlieren 🟡
Ein Vorsprung, Extrapunkte oder Hilfe, die alle kennen, sind ehrlicher als ein absichtlich schlechter Zug. Fachleute raten fast einhellig dazu. Eine Laborstudie liefert einen indirekten Hinweis: Fünf- bis Siebenjährige, die vorher von einer fremden Erwachsenen angelogen worden waren, schummelten danach häufiger (Hays & Carver, 2014). Heimliches Verlieren ist keine Lüge im engeren Sinn, aber es geht in eine ähnliche Richtung.
Mehr dazu, wann wir trotzdem mal ein Auge zudrücken, steht in unserem Artikel Kinder gewinnen lassen?
2. Die Hilfe langsam abbauen 🟢
Entwicklungspsycholog:innen nennen das Scaffolding: so viel Hilfe wie nötig, und weniger, sobald das Kind die Sache selbst kann (Wood, Bruner & Ross, 1976). Das Konzept ist in der Pädagogik sehr gut etabliert. Fürs Brettspiel heißt das: Der Vorsprung der Kleinen wird mit jedem Spiel ein bisschen kleiner. So sieht sie, dass sie besser wird.
3. Erst das Gefühl, dann die Lösung 🟡
Nach einer Niederlage hilft es, das Gefühl zu benennen, bevor man über Lösungen spricht: „Du bist enttäuscht, das ist okay.“ Dahinter steckt das Konzept des Emotion Coachings (Gottman, Katz & Hooven, 1996). Studien dazu zeigen Zusammenhänge mit besserer Selbstregulation, die Befunde sind aber gemischt und teils kulturabhängig.
4. Anstrengung loben, aber keine Wunder erwarten 🟡
Der Klassiker: Kinder, die für ihre Klugheit gelobt wurden, hielten nach einem Misserfolg im Labor schlechter durch als Kinder, die für ihre Anstrengung gelobt wurden (Mueller & Dweck, 1998). Eine spätere, große Studie fand deutlich schwächere Effekte (Li & Bates, 2019). Unser Fazit: „Du hast dir das gut überlegt“ schadet sicher nicht. Ein Wundermittel gegen Tränen ist es nicht.
5. Selbst gut verlieren, und zwar sichtbar 🟡
Kinder schauen sich ab, wie Erwachsene mit Rückschlägen umgehen. In einer Laborstudie versuchten es schon Babys öfter an einer schwierigen Aufgabe, wenn sie vorher gesehen hatten, wie ein Erwachsener sich sichtbar abmüht und dranbleibt (Leonard, Lee & Schulz, 2017). Das ist ein Experiment mit sehr kleinen Kindern, kein Brettspiel. Die Richtung passt trotzdem: laut denken, sich ärgern dürfen, gratulieren, weiterspielen.
6. Gut gewinnen ist auch ein Lernziel 🔵
Hierzu haben wir keine Studie gefunden, dafür reichlich eigene Erfahrung. Für unsere Große ist es schwierig, keine Schadenfreude zu zeigen, und da gibt es öfter Streit. Meistens ist das Spiel dann vorbei. Diese Situation ist für alle herausfordernd, und wir haben kein Patentrezept. Was wir mitnehmen: Wer übers Verlieren spricht, sollte übers Gewinnen genauso sprechen.
7. Wenn es knirscht: zusammen spielen 🟡
In einem Experiment teilten Vier- bis Fünfjährige nach einem kooperativen Spiel mehr mit anderen Kindern als nach einem Wettspiel (Toppe, Hardecker & Haun, 2019). Ob Kinder dadurch besser verlieren lernen, ist nicht untersucht. Bei uns passt es aber: Bei kooperativen Spielen wie Andor Junior ist das Konfliktpotenzial viel geringer. Gemeinsam gegen den Drachen streitet es sich schlecht.
8. Den Zeitpunkt klug wählen 🔵
Bei Kindern zwischen vier und sieben hängt bei uns viel von der Stimmung ab. Abends vor dem Schlafengehen, wenn die Luft raus ist und alle müde sind, ist die Frustrationsgrenze deutlich niedriger. Ein knappes Wettspiel um diese Uhrzeit ist ein Risiko. Ein kurzes, entspanntes Spiel oder ein kooperatives ist dann oft die bessere Wahl.
Was wir daraus mitnehmen
Verlieren lernen ist kein Tipp, sondern ein langer Weg, und es gehört dazu, dass es mal kippt. Kinder sollen lernen, dass man auch mal verliert und mit jedem Versuch besser wird. Und genauso, dass man als Gewinner:in niemanden auslacht. Wenn du nur eine Sache mitnimmst: Offen helfen, Hilfe abbauen, selbst gut verlieren. Den Rest erledigt die Zeit.
Was klappt bei euch? Und wer hat bei euch das größere Problem: die Verlierer oder die Gewinner?
Quellen
- Gottman, J. M., Katz, L. F. & Hooven, C. (1996). Parental meta-emotion philosophy and the emotional life of families: Theoretical models and preliminary data. Journal of Family Psychology, 10(3), 243–268. https://doi.org/10.1037/0893-3200.10.3.243
- Hays, C. & Carver, L. J. (2014). Follow the liar: The effects of adult lies on children’s honesty. Developmental Science, 17(6), 977–983. https://doi.org/10.1111/desc.12171
- Leonard, J. A., Lee, Y. & Schulz, L. E. (2017). Infants make more attempts to achieve a goal when they see adults persist. Science, 357(6357), 1290–1294. https://doi.org/10.1126/science.aan2317
- Li, Y. & Bates, T. C. (2019). You can’t change your basic ability, but you work at things, and that’s how we get hard things done: Testing the role of growth mindset on response to setbacks, educational attainment, and cognitive ability. Journal of Experimental Psychology: General. https://doi.org/10.1037/xge0000669
- Mueller, C. M. & Dweck, C. S. (1998). Praise for intelligence can undermine children’s motivation and performance. Journal of Personality and Social Psychology, 75(1), 33–52. https://doi.org/10.1037/0022-3514.75.1.33
- Toppe, T., Hardecker, S. & Haun, D. B. M. (2019). Playing a cooperative game promotes preschoolers’ sharing with third-parties, but not social inclusion. PLOS ONE, 14(8), e0221092. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0221092
- Wood, D., Bruner, J. S. & Ross, G. (1976). The role of tutoring in problem solving. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 17(2), 89–100. https://doi.org/10.1111/j.1469-7610.1976.tb00381.x
FAQ
Wie bringe ich meinem Kind bei, beim Spielen zu verlieren?
Am ehesten mit kleinen Schritten: offen ausgleichen statt heimlich verlieren, die Hilfe langsam abbauen, Gefühle nach einer Niederlage benennen und selbst gut verlieren vorleben. Gut belegt ist davon wenig, aber die Richtung ist bei Fachleuten ziemlich einheitlich.
Hilft Loben, wenn mein Kind verloren hat?
Lob für Anstrengung statt für Klugheit galt lange als Schlüssel. Eine bekannte Studie von 1998 zeigte das im Labor, spätere größere Studien fanden aber deutlich schwächere Effekte. Schaden tut es nicht, ein Wundermittel ist es nicht.
Welche Spiele eignen sich für Kinder, die schlecht verlieren können?
Kooperative Spiele, bei denen alle gemeinsam gewinnen oder verlieren. Bei uns gibt es dort deutlich weniger Konflikte, zum Beispiel bei Andor Junior.
Was tun, wenn ein Kind beim Gewinnen Schadenfreude zeigt?
Dazu gibt es kaum Forschung. Bei uns ist das öfter der schwierigere Teil, und meistens ist das Spiel dann vorbei. Gutes Gewinnen gehört genauso zum Lernen wie gutes Verlieren.

