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Ratgeber

Ja. Manchmal. Wann und warum nicht?: Kinder beim Brettspiel gewinnen lassen

21.10.2026 · 5 Min. LesezeitFamilienspieleabend

Es ist kurz vor acht. Die Luft ist raus, beide Kinder sind müde, und die Kleine liegt beim letzten Spiel des Tages knapp hinten. Jetzt hast du zwei Möglichkeiten: ehrlich weiterspielen und ein Drama riskieren, oder ganz unauffällig das schlechtere Plättchen nehmen. Wer Kinder hat, kennt diesen Moment.

Wir wollten wissen, was die Wissenschaft dazu sagt. Die überraschende Antwort: Direkt untersucht hat das niemand. Aber es gibt genug Forschung drumherum, um eine ziemlich klare Richtung zu erkennen.

Die schnelle Antwort

  • Die überraschende Wahrheit: Keine einzige Studie hat „Kinder gewinnen lassen“ je direkt getestet. Alles dazu ist Expertenmeinung.
  • Was Fachleute trotzdem raten: Kleinen helfen, ja. Aber offen. Und mit jedem Jahr mehr echte Niederlagen.
  • Der Haken am heimlichen Verlieren: Kinder durchschauen Regeln früher, als viele denken. Ein offener Vorsprung ist die ehrlichere Hilfe.
  • Und wir? Meistens wird ehrlich gespielt. Kurz vor dem Schlafengehen, mit müden Vier- bis Siebenjährigen? Da sind wir nicht so streng.

Unser Geständnis

In der Regel lassen wir unsere Kinder nicht bewusst gewinnen. Kinder sollen auch das Verlieren lernen: dass man mal verliert und mit jedem Versuch besser wird.

Bei Kindern zwischen vier und sieben kommt es aber stark auf die Stimmung an. Abends vor dem Schlafengehen braucht niemand in unserer Familie ein Drama, weil ein Kind verloren hat. Vor allem, wenn die Luft raus ist und die Kinder müde sind, ist die Frustrationsgrenze deutlich niedriger. Bei Dragomino geht das besonders gut: Ich kann unauffällig lenken, ob die Kleine gewinnt, oder richtig spielen, wenn sie bereit für eine echte Herausforderung ist.

Und es kippt trotzdem immer mal. Bei uns ist das Verlieren dabei oft gar nicht das größte Problem, sondern das Gewinnen. Für unsere Große ist es schwierig, keine Schadenfreude zu zeigen, und da gibt es öfter Streit. Meistens ist das Spiel dann vorbei. Diese Situation ist für alle herausfordernd, und wir haben dafür kein Patentrezept.

Was die Forschung sagt

Schon Zweijährige merken, wenn jemand schummelt

In Experimenten spielte eine Handpuppe ein einfaches Regelspiel „falsch“. Schon Zwei- und Dreijährige protestierten, die Dreijährigen deutlich ausdrücklicher („Nein, so geht das nicht!“). Kinder verstehen Spielregeln also sehr früh als Normen, an die sich alle halten sollen (Rakoczy, Warneken & Tomasello, 2008).

Mit dem Alter wächst auch das Verständnis dafür, worum es in einem Wettspiel geht. Dass ein Schulkind eher merkt, wenn etwas nicht ganz sauber läuft, liegt nahe. Direkt untersucht hat das beim heimlichen Verlieren aber niemand.

Heimlich verlieren: der Haken, an den kaum jemand denkt

Eine Studie mit 186 Kindern zwischen drei und sieben Jahren zeigte: Fünf- bis Siebenjährige, die vorher von einer Versuchsleiterin angelogen worden waren, schummelten danach häufiger und logen öfter (Hays & Carver, 2014). Bei den Drei- bis Vierjährigen gab es keinen Effekt.

Wichtig: Gelogen hat dort eine fremde Person, nicht die Eltern. Und heimlich zu verlieren ist keine ausgesprochene Lüge. Direkt übertragen lässt sich das also nicht. Es ist aber ein Hinweis, warum viele Fachleute bei älteren Kindern zu offenen Lösungen raten.

Die bessere Hilfe: ein Vorsprung, der schrumpft

Entwicklungspsycholog:innen sprechen von Scaffolding, einem Lerngerüst: Man hilft so viel wie nötig und baut die Hilfe wieder ab, sobald das Kind die Sache selbst kann (Wood, Bruner & Ross, 1976). Auf Brettspiele übertragen heißt das: ein Vorsprung für die Kleine, der kleiner wird, je besser sie spielt.

Was Fachleute wirklich empfehlen

Weil es keine direkte Studie gibt, bleibt beim Gewinnenlassen selbst die Meinung von Fachleuten. Die gehen in eine ähnliche Richtung:

  • Der Kinderpsychologe Kenneth Barish lässt kleine Kinder gewinnen, aber nicht jedes Mal. So wächst die Frustrationstoleranz schrittweise (Barish, 2012).
  • Andere empfehlen, nicht das Ergebnis, sondern die Regeln anzupassen, zum Beispiel doppelte Punkte für das jüngere Kind.
  • Fast alle betonen: Eltern zeigen vor, wie man gut verliert und gut gewinnt.

Der einfachste Trick gegen Drama: zusammen spielen

In einem Experiment spielten 96 Vier- bis Fünfjährige dasselbe Spiel entweder miteinander oder gegeneinander. Nach dem kooperativen Spiel teilten sie danach mehr mit anderen Kindern (Toppe, Hardecker & Haun, 2019). Dass Kinder dadurch besser verlieren lernen, ist nicht untersucht. Unsere Erfahrung passt aber dazu: Bei kooperativen Spielen ist das Konfliktpotenzial bei uns viel geringer. Gemeinsam gegen den Drachen bei Andor Junior streitet es sich einfach schlechter.

5 Dinge für euren nächsten Spieleabend

  1. Bei den Kleinen darf es menschlich sein. Wenn alle müde sind, ist ein bisschen Hilfe kein Erziehungsfehler. Die Forschung sagt nichts Gegenteiliges.
  2. Offen ist besser als heimlich. Ein Vorsprung, den alle kennen, ist ehrlicher als ein absichtlich schlechter Zug. Je älter das Kind, desto wichtiger.
  3. Hilfe wieder abbauen. Mit jedem Spiel ein bisschen weniger Vorsprung. So merkt das Kind, dass es besser wird.
  4. Gutes Gewinnen gehört dazu. Nicht nur Verlieren will gelernt sein, sondern auch, wie man sich als Sieger:in benimmt.
  5. Wenn es knirscht: zusammen spielen. Kooperative Spiele nehmen viel Druck raus.

Wie haltet ihr es? Lasst ihr eure Kinder gewinnen, oder wird bei euch knallhart gespielt?

Quellen

Mehr davon?

Eine E-Mail, ab und zu: was bei uns auf den Tisch kam, was gefloppt ist und was die Kinder wirklich nochmal spielen wollten.

FAQ

Sollte man Kinder beim Brettspiel gewinnen lassen?

Eine Studie, die genau das untersucht, gibt es nicht. Fachleute raten meist: kleinen Kindern helfen, am liebsten offen, und mit dem Alter echte Niederlagen zulassen. Wir lassen unsere Kinder in der Regel nicht bewusst gewinnen, bei Vier- bis Siebenjährigen kommt es aber auf die Stimmung an.

Merken Kinder, wenn Erwachsene absichtlich verlieren?

Belegt ist, dass schon Zwei- bis Dreijährige Spielregeln als feste Regeln verstehen und protestieren, wenn jemand sie bricht. Ältere Kinder durchschauen Tricks zunehmend. Ob sie heimliches Verlieren merken, hat niemand direkt untersucht.

Was ist besser als heimlich verlieren?

Ein offener Ausgleich, den alle kennen: ein Vorsprung, Extrapunkte oder Hilfe für das jüngere Kind. Den Ausgleich baut man ab, sobald das Kind besser wird.

Welche Spiele eignen sich für Kinder, die schlecht verlieren können?

Kooperative Spiele, bei denen alle zusammen gewinnen oder verlieren. Bei uns gibt es dort deutlich weniger Konflikte, zum Beispiel bei Andor Junior.

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