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Ratgeber

Die große Schulstudie hatte kein einziges Lernspiel dabei: Lernspiele

Von Andreas · 28.10.2026 · 8 Min. LesezeitFamilienspiele

Irgendwo im Laden steht gerade eine Schachtel, die verspricht, dass dein Kind „spielend rechnen lernt“ und sein „Gehirn trainiert“. Meistens kostet sie mehr als ein Spiel, das einfach nur Spaß verspricht.

Wir spielen viel mit unseren beiden Töchtern. Also wollten wir wissen: Brauchen Kinder überhaupt Lernspiele? Wir haben uns die Studien angesehen. Kurz gesagt: Spiele können ein bisschen etwas beibringen. Das Etikett auf der Schachtel bringt nichts bei.

Die schnelle Antwort

  • Die Überraschung: Die größte Schulstudie hat ganz normale Karten- und Partyspiele benutzt. Kein einziges Lernspiel.
  • Was hält: kleine Verbesserungen beim Arbeitsgedächtnis und bei früher Mathe, gemessen direkt nach dem Spielen.
  • Die Studie, die keiner gemacht hat: Lernspiel gegen normales Spiel, direkt verglichen. Gibt es nicht.
  • Das ehrliche Fazit: Die Forscher:innen sagen selbst, dass die Belege noch nicht reichen, um Spiele als Denktraining zu empfehlen.

Die Schulstudie, über die alle reden

In Spanien nahmen 522 Grundschulkinder der ersten bis sechsten Klasse an einer randomisierten Studie teil. Die Hälfte der Klassen spielte im Unterricht Brettspiele: zwölf Stunden über sechs Wochen, in kleinen Gruppen mit drei bis fünf Kindern. Die anderen Klassen hatten normalen Unterricht (Vita-Barrull et al., 2024).

Und die Spiele? Kein Rechentraining weit und breit. Laut Studienregister waren es kurze Spiele aus dem Laden, etwa Halli Galli, Kaleidos Junior, Sherlock Express und Bananazul. Spiele, die man freitagabends aus dem Schrank holt.

Das Ergebnis: Die Spielklassen wurden stärker besser beim sogenannten Updating. Gemeint ist, im Kopf mitzuhalten, was sich gerade geändert hat, und Altes loszulassen. Auch beim Lesen und Rechnen legten sie mehr zu als die Klassen mit normalem Unterricht.

Klingt gut. Jetzt das Kleingedruckte:

  • Nur kurzfristig. Getestet wurde vorher und direkt danach. Ob es Monate später noch hält, hat niemand geprüft.
  • Nicht alles wurde besser. In der späteren Metaanalyse zeigt dieselbe Studie für die meisten Klassen keine klaren Fortschritte bei Selbstkontrolle oder geistiger Flexibilität.
  • Verglichen wurde mit normalem Unterricht, nicht mit einer anderen spaßigen Aktivität. Ein Teil des Effekts könnte einfach heißen: Im Unterricht passierte etwas Neues und Lustiges.
  • Die Forscher:innen bieten selbst Spielprogramme an. Das macht die Studie nicht falsch, aber man sollte es wissen.

Was 24 Studien zusammen sagen

2026 hat ein Team, zu dem dieselben Forscher:innen gehören, alle randomisierten Studien zu Brettspielen und Denkfähigkeiten zusammengetragen, für alle Altersgruppen. 24 Studien kamen in die Übersicht, 16 in die statistische Auswertung (Estrada-Plana et al., 2026).

Der Teil, den die meisten Artikel weglassen: Nur 4 der 24 Studien hatten ein geringes Verzerrungsrisiko. Bei den meisten gab es „einige Bedenken“, bei sieben ein hohes Risiko.

Die zusammengefassten Ergebnisse:

  • Kindergarten: ein kleiner, aber stabiler Effekt aufs Kurzzeitgedächtnis für Dinge, die man sieht.
  • Schulkinder: kein zusammengefasster Effekt war statistisch signifikant. Weder beim Arbeitsgedächtnis noch bei Selbstkontrolle oder Flexibilität.

Das Fazit der Autor:innen ist erfrischend deutlich: Mit den vorhandenen Belegen können sie Brettspiele als Denktraining nicht empfehlen. Gleichzeitig nennen sie die Ergebnisse vielversprechend und wünschen sich bessere Studien. Beides stimmt.

Das Zahlenspiel, das wirkt (bei Vorschulkindern)

Die besten Belege fürs Lernen mit Spielen stammen von einem Spiel, das man nicht kaufen kann. Die Psycholog:innen Robert Siegler und Geetha Ramani bauten ein Laufspiel mit einer geraden Reihe von Feldern, nummeriert von 1 bis 10. Die Kinder drehten einen Kreisel, zogen ihre Figur und sagten die Zahlen laut: „fünf, sechs“.

Vier- und Fünfjährige aus einkommensschwachen Familien spielten es insgesamt etwa eine Stunde, verteilt auf ein paar kurze Runden. Danach konnten sie Zahlen besser vergleichen, auf einem Zahlenstrahl einordnen, zählen und erkennen. Neun Wochen später war der Effekt noch da. Kinder, die dasselbe Spiel mit Farben statt Zahlen spielten, verbesserten sich nicht (Ramani & Siegler, 2008).

Zwei Details machen das für Eltern spannend:

  1. Eine gerade Bahn schlug eine runde (Siegler & Ramani, 2009). Die Form des Spiels sieht aus wie ein Zahlenstrahl, und genau den lernen die Kinder.
  2. Der Effekt ist nicht groß. Eine Metaanalyse von 2025 mit 18 Studien zu solchen Zahlen-Brettspielen fand einen kleinen positiven Effekt auf Mathe, von der Vorschule bis zur zweiten Klasse (Nelson et al., 2025).

Ein klassisches Würfel-Laufspiel mit nummerierten Feldern kann einem kleinen Kind also bei Zahlen helfen. Nicht weil „Lernspiel“ auf der Schachtel steht, sondern weil die Zahlen auf einer geraden Linie liegen und laut gesagt werden.

Was das nicht beantwortet: ob es bei älteren Kindern wirkt oder bei Monopoly. Die Studien liefen mit Vier- und Fünfjährigen und einem selbst gebauten Brett von 1 bis 10.

Ehrenrettung für Roll & Move

Wer unter Hobby-Spieler:innen „Roll & Move“ sagt, erntet meist ein Stöhnen. Würfeln, Figur ziehen, hoffen: kaum echte Entscheidungen, nur Glück. Das haben wir auch öfter in der Community gehört, und für einen Spieleabend unter Erwachsenen verstehen wir das.

Für ein vierjähriges Kind ist genau diese „langweilige“ Mechanik aber der Matheunterricht. In jedem Zug zählt das Kind die Felder, sagt die Zahlen laut und sieht, dass die 8 weiter vorne liegt als die 3. So funktionierte das Laufspiel in der Studie, und genau das konnte die Version mit farbigen Feldern nicht.

Das klassische Kinder-Laufspiel mit nummerierten Feldern ist also kein Designfehler. Für die Jüngsten ist es das am besten untersuchte Mathespiel überhaupt. Zwei Dinge zählen: Auf den Feldern stehen Zahlen, und die Zahlen werden laut gesagt.

Schach: Das berühmteste Denkspiel enttäuscht

Wenn ein Spiel Kinder schlauer machen sollte, dann Schach. Eine frühe Metaanalyse fand einen mäßigen Effekt auf Mathe und Lesen (Sala & Gobet, 2016). Dann schauten dieselben Forscher genauer hin: Je besser eine Studie gebaut war, desto kleiner wurde der Effekt. In der einzigen Studie mit einer echten aktiven Kontrollgruppe blieb fast nichts übrig (Sala & Gobet, 2017).

Eine randomisierte Studie mit rund 4.000 Fünftklässler:innen in England bestätigte das. Schachunterricht in der Schule änderte nichts an ihren Leistungen in Mathe, Lesen oder Naturwissenschaften (Jerrim et al., 2018).

Schachspieler:innen sind im Schnitt klüger, ja. Wahrscheinlich aber, weil Menschen, denen solches Denken liegt, eher beim Schach landen. Nicht umgekehrt.

Lernspiel oder „nur ein Spiel“: die Studie, die keiner gemacht hat

Das ist die Frage hinter jedem Lernspiel: Ist es besser als ein gutes normales Spiel? Wir haben gründlich gesucht. Es gibt keine Studie, die ein als Lernspiel verkauftes Spiel direkt mit einem normalen Spiel vergleicht.

Am nächsten dran ist eine Studie aus Spanien. 68 Kinder zwischen sieben und zwölf spielten entweder Spiele, die gezielt fürs Denktraining ausgesucht waren, oder andere moderne Brett- und Kartenspiele. Beide Gruppen verbesserten sich, die „Denkspiele“ schnitten nicht besser ab (Moya-Higueras et al., 2023). Das Fazit der Forscher:innen: So gut wie jedes moderne Spiel kann diese Fähigkeiten fordern, außer Spiele, die fast nur vom Glück leben.

Und eine Studie zeigt, was nicht reicht: In Frankreich nahmen fast 3.000 Erstklässler:innen ein Karten- und ein Brettspiel mit in die Sommerferien. Danach fühlten sie sich sicherer, aber in Mathe und Sprache unterschieden sie sich nicht von Kindern ohne Spiele (CSEN, 2022).

Eine Schachtel im Regal ist kein Programm. In den Studien mit Effekten saß jemand regelmäßig über Wochen mit den Kindern am Tisch. Das passt zu einem breiteren Befund: Spiel, das ein Erwachsener begleitet, schlug in einer Metaanalyse mit Kindern bis acht Jahre den direkten Unterricht bei früher Mathe (Skene et al., 2022).

5 Dinge für euren nächsten Spieleabend

  1. Vergesst das Etikett. Keine Studie zeigt, dass ein Lernspiel ein gutes normales Spiel schlägt. Kauft das Spiel, das eure Kinder wieder spielen wollen.
  2. Für die Kleinen: Zahlen auf einer geraden Bahn. Ein einfaches Laufspiel, bei dem das Kind die Felder laut mitzählt, ist das am besten untersuchte „Mathespiel“ überhaupt.
  3. Weniger reines Glück, je älter die Kinder werden. Spiele, in denen Entscheidungen zählen, geben dem Kopf mehr zu tun. Die Ausnahme ist eine nummerierte Laufbahn für Vorschulkinder.
  4. Spielt mit. In den Studien mit Effekten saßen Erwachsene mit am Tisch, die Spiele lagen nicht nur im Schrank.
  5. Erwartungen klein halten. Spiele steigern weder IQ noch Noten. Sie sind gemeinsame Zeit, mit etwas Kopftraining als Bonus.

Warum Brettspiele freies Spiel nicht ersetzen, steht in unserem Artikel Brettspiel oder freies Spiel. Welche Spiele zu welchem Alter passen, findest du unter Brettspiele nach Alter.

Und bei euch: Hat ein ganz normales Spiel euren Kindern schon mal etwas beigebracht, womit ihr nicht gerechnet habt?

Quellen

  • Vita-Barrull, N., Estrada-Plana, V., March-Llanes, J., Sotoca-Orgaz, P., Guzmán, N., Ayesa, R. & Moya-Higueras, J. (2024). Do you play in class? Board games to promote cognitive and educational development in primary school: A cluster randomized controlled trial. Learning and Instruction, 93, 101946. https://doi.org/10.1016/j.learninstruc.2024.101946
  • Estrada-Plana, V., Vita-Barrull, N., March-Llanes, J., Badia-Bafalluy, A., Ayesa-Arriola, R. & Moya-Higueras, J. (2026). Can executive functions be improved by playing board games across the lifespan? A systematic review and meta-analysis. Applied Psychology: Health and Well-Being, 18(4), e70194. https://doi.org/10.1111/aphw.70194
  • Ramani, G. B. & Siegler, R. S. (2008). Promoting broad and stable improvements in low-income children’s numerical knowledge through playing number board games. Child Development, 79(2), 375–394. https://doi.org/10.1111/j.1467-8624.2007.01131.x
  • Siegler, R. S. & Ramani, G. B. (2009). Playing linear number board games, but not circular ones, improves low-income preschoolers’ numerical understanding. Journal of Educational Psychology, 101(3), 545–560. https://doi.org/10.1037/a0014239
  • Nelson, G., Boedeker, P., Devlin, B. L., Lesner, T. A., Drake, K. R., Sutherland, M., Wilke, E. J., Cook, M. A. & Schmitt, S. A. (2025). Investigating main effects and moderators of linear number board games: A meta-analytic review. Review of Educational Research. https://doi.org/10.3102/00346543251383552
  • Sala, G. & Gobet, F. (2016). Do the benefits of chess instruction transfer to academic and cognitive skills? A meta-analysis. Educational Research Review, 18, 46–57. https://doi.org/10.1016/j.edurev.2016.02.002
  • Sala, G. & Gobet, F. (2017). Does far transfer exist? Negative evidence from chess, music, and working memory training. Current Directions in Psychological Science, 26(6), 515–520. https://doi.org/10.1177/0963721417712760
  • Jerrim, J., Macmillan, L., Micklewright, J., Sawtell, M. & Wiggins, M. (2018). Does teaching children how to play cognitively demanding games improve their educational attainment? Evidence from a randomized controlled trial of chess instruction in England. Journal of Human Resources, 53(4), 993–1021.
  • Moya-Higueras, J., Solé-Puiggené, M., Vita-Barrull, N. et al. (2023). Just play cognitive modern board and card games, it’s going to be good for your executive functions: A randomized controlled trial with children at risk of social exclusion. Children, 10(9), 1492. https://doi.org/10.3390/children10091492
  • Conseil scientifique de l’Éducation nationale (CSEN) (2022). Note n°7: Studie zur Verteilung von Spielen in den Sommerferien (Lubineau, Dehaene, Potier-Watkins, Gurgand et al.).
  • Skene, K., O’Farrelly, C. M., Byrne, E. M., Kirby, N., Stevens, E. C. & Ramchandani, P. G. (2022). Can guidance during play enhance children’s learning and development in educational contexts? A systematic review and meta-analysis. Child Development, 93(4), 1162–1180. https://doi.org/10.1111/cdev.13730

Mehr davon?

Eine E-Mail, ab und zu: was bei uns auf den Tisch kam, was gefloppt ist und was die Kinder wirklich nochmal spielen wollten.

FAQ

Lernen Kinder mit Lernspielen mehr?

Kinder können mit Brettspielen lernen. Es gibt aber keine Studie, die Spiele mit dem Etikett „Lernspiel“ direkt mit normalen Spielen vergleicht. In den vorhandenen Studien haben normale moderne Spiele und einfache Zahlenspiele die Arbeit gemacht. Entscheidend scheint der Aufbau eines Spiels zu sein, nicht das Etikett.

Machen Brettspiele Kinder schlauer?

Dafür gibt es keine guten Belege. Studien finden kleine Verbesserungen bei einzelnen Fähigkeiten, etwa beim Arbeitsgedächtnis oder beim Zahlenvergleich. Die neueste Metaanalyse kommt zu dem Schluss, dass die Belege noch nicht reichen, um Brettspiele als Denktraining zu empfehlen.

Welche Brettspiele helfen beim Rechnen?

Am besten belegt sind einfache Laufspiele auf einer geraden, nummerierten Bahn, bei denen Kinder die Zahlen beim Ziehen laut sagen. In Studien mit Vier- und Fünfjährigen verbesserte etwa eine Stunde Spielen das Zahlenverständnis. Dieselbe Version nur mit Farben half nicht.

Macht Schach Kinder besser in der Schule?

Eher nicht. Schwächere Studien fanden Effekte, aber je besser eine Studie gebaut war, desto kleiner wurde der Effekt. Eine große Studie mit rund 4.000 Schulkindern in England fand keinen Effekt auf Mathe, Lesen oder Naturwissenschaften.

Reicht der Spieleabend zu Hause, damit Kinder besser lernen?

Das hat niemand gezeigt. Die Studien mit positiven Ergebnissen liefen als feste Programme im Unterricht, mehrere Stunden über Wochen. In einer großen Studie in Frankreich änderte es nichts an Mathe- und Sprachleistungen, Kindern Spiele für die Sommerferien mitzugeben.