Wir schreiben einen Brettspielblog. Wir finden, dass Brettspiele zu den schönsten Dingen gehören, die eine Familie zusammen machen kann. Und trotzdem sitzt unsere Kleine bei strategischen Spielen oft einfach daneben und malt. Ist das schade? Wer in die Forschung schaut, kommt zu einer anderen Antwort.
Denn wer sich anschaut, was die Forschung über Spielen sagt, merkt schnell: Brettspiele sind nur eine Sorte Spiel. Und ausgerechnet die Sorte, die Kinder am meisten brauchen, ist eine andere.
Die schnelle Antwort
- Der Unterschied: Beim Brettspiel geben Regeln den Rahmen vor. Beim freien Spiel bestimmen die Kinder alles selbst.
- Was Brettspiele können: Sie sind angeleitetes Spiel, und das hilft zum Beispiel bei früher Mathematik.
- Was nur freies Spiel kann: selbst entscheiden, selbst Regeln erfinden, selbst aufhören.
- Die unbequeme These: Weniger freies Spiel, mehr Angst bei Kindern. Der Zusammenhang ist da, die Ursache umstritten.
Zwei Arten zu spielen
Beim Brettspiel ist fast alles vorgegeben: die Regeln, das Ziel, wann es zu Ende ist. Meist erklärt ein Erwachsener, wie es geht, und spielt mit. Beim freien Spiel ist es umgekehrt. Die Kinder bestimmen, was gespielt wird, nach welchen Regeln und wann Schluss ist. Ob aus dem Sofa ein Schiff wird oder aus drei Stöcken ein Königreich, entscheiden sie.
Der Entwicklungspsychologe Jean Piaget beschrieb das Regelspiel als späte Stufe: Erst kommt das Übungsspiel, dann das Symbol- und Rollenspiel, und erst ab etwa sieben Jahren das Spiel nach festen Regeln (Piaget, 1945). Brettspiele bauen also auf dem freien Spiel auf. Sie ersetzen es nicht.
Was Brettspiele Kindern geben
Brettspiele gehören zum sogenannten angeleiteten Spiel: Erwachsene geben den Rahmen vor, die Kinder spielen trotzdem selbst. Eine Meta-Analyse über 17 Studien mit rund 3.900 Kindern fand für angeleitetes Spiel leichte Vorteile gegenüber direktem Unterricht, etwa bei früher Mathematik (Skene et al., 2022). Würfelspiele mit nummerierten Feldern verbesserten in Studien sogar messbar das Zahlenverständnis. Mehr dazu in unserem Artikel Brettspiele nach Alter.
Der russische Psychologe Lew Wygotski sah in Regeln selbst etwas Wertvolles: Wer sich an eine Spielregel hält, verzichtet auf einen spontanen Impuls. Genau darin übt sich die Selbstkontrolle (Vygotsky, 1967; Bodrova, Germeroth & Leong, 2013). Spannend: Er meinte damit nicht nur Brettspiele. Auch im Rollenspiel gibt es Regeln. Wer „Mama“ spielt, verhält sich wie eine Mama.
Was Brettspiele dagegen nicht nachweislich tun: Kinder allgemein klüger machen. Dafür ist die Studienlage dünn.
Was nur freies Spiel kann
Die US-Kinderärzte (American Academy of Pediatrics) haben 2018 einen viel beachteten Bericht veröffentlicht: The Power of Play. Kernaussage: Spiel, vor allem selbstbestimmtes Spiel mit Eltern und anderen Kindern, fördert sozial-emotionale, kognitive und sprachliche Fähigkeiten und die Selbstregulation. Und es hilft Kindern, mit Stress umzugehen. Kinderärzte sollen Spiel deshalb quasi auf Rezept empfehlen (Yogman et al., 2018).
Was dabei passiert, kann kein Brettspiel liefern: Kinder handeln selbst aus, was gilt. Sie streiten über Regeln, ändern sie, brechen ab, fangen neu an. Niemand gibt vor, wer gewonnen hat.
Die unbequeme These
Der Psychologe Peter Gray hat beschrieben, wie stark freies, unbeaufsichtigtes Spiel unter Kindern in den letzten Jahrzehnten zurückgegangen ist. Im selben Zeitraum stiegen Angst und Depression bei Kindern und Jugendlichen. Gray hält den Rückgang des freien Spiels für eine Mitursache (Gray, 2011; Gray, Lancy & Bjorklund, 2023).
Wichtig: Die Daten zeigen, dass beides zeitlich zusammenfällt. Dass das eine das andere verursacht, ist Grays These, nicht bewiesen. Als Denkanstoß taugt sie trotzdem: Ein voll verplanter Nachmittag ist kein Spiel, auch wenn er aus lauter Spielen besteht.
Was das für den Spieleabend heißt
- Brettspiele sind kein Lernprogramm. Spielt sie, weil sie Spaß machen. Alles andere ist Bonus.
- Daneben sitzen ist okay. Unsere Kleine malt oft, während wir spielen. Das ist keine verpasste Chance, sondern ihr eigenes Spiel.
- Aufhören darf sein. Freies Spiel endet, wenn die Kinder es wollen. Bei Brettspielen ist das nicht immer möglich, aber manchmal ist das abgebrochene Spiel das bessere.
- Regeln selbst erfinden lassen. Unsere Idee, keine Studie: Wenn Kinder eigene Hausregeln oder sogar eigene Spiele erfinden, treffen sich beide Welten.
- Nicht jeden Nachmittag verplanen. Auch nicht mit Spielen.
Was spielen eure Kinder, wenn niemand ihnen sagt, was sie spielen sollen?
Quellen
- Yogman, M., Garner, A., Hutchinson, J., Hirsh-Pasek, K., Golinkoff, R. M. et al. (2018). The power of play: A pediatric role in enhancing development in young children. Pediatrics, 142(3), e20182058. https://doi.org/10.1542/peds.2018-2058
- Skene, K., O’Farrelly, C. M., Byrne, E. M. et al. (2022). Can guidance during play enhance children’s learning and development in educational contexts? A systematic review and meta-analysis. Child Development, 93(4), 1162–1180. https://doi.org/10.1111/cdev.13730
- Gray, P. (2011). The decline of play and the rise of psychopathology in children and adolescents. American Journal of Play, 3(4), 443–463.
- Gray, P., Lancy, D. F. & Bjorklund, D. F. (2023). Decline in independent activity as a cause of decline in children’s mental well-being: Summary of the evidence. The Journal of Pediatrics, 260, 113352. https://doi.org/10.1016/j.jpeds.2023.02.004
- Vygotsky, L. S. (1967). Play and its role in the mental development of the child. Soviet Psychology, 5(3), 6–18. https://doi.org/10.2753/RPO1061-040505036
- Bodrova, E., Germeroth, C. & Leong, D. J. (2013). Play and self-regulation: Lessons from Vygotsky. American Journal of Play, 6(1), 111–123.
- Piaget, J. (1945). La formation du symbole chez l’enfant (dt. Nachahmung, Spiel und Traum).
FAQ
Was ist der Unterschied zwischen Brettspiel und freiem Spiel?
Beim Brettspiel sind Regeln, Ziel und Ende vorgegeben, meist von Erwachsenen erklärt. Beim freien Spiel bestimmen die Kinder selbst, was gespielt wird, nach welchen Regeln und wann es aufhört.
Sind Brettspiele gut für die Entwicklung?
Sie sind eine Form von angeleitetem Spiel, und dazu gibt es positive Befunde, etwa bei früher Mathematik. Große Versprechen wie „Brettspiele machen klüger“ sind aber nicht belegt.
Warum ist freies Spiel so wichtig?
Laut dem Bericht der US-Kinderärzte (AAP, 2018) fördert Spiel sozial-emotionale, kognitive und sprachliche Fähigkeiten sowie die Selbstregulation und hilft beim Umgang mit Stress. Kinderärzte sollen Spiel deshalb quasi verschreiben.
Macht der Rückgang des freien Spiels Kinder krank?
Der Psychologe Peter Gray sieht im Rückgang des freien, selbstbestimmten Spiels eine Mitursache für mehr Angst und Depression bei Kindern. Die Daten zeigen aber nur einen zeitlichen Zusammenhang, die Ursache ist seine These, nicht bewiesen.
